03.06.2026
Die sicherheitspolitische Lage hat sich grundlegend verändert. Spätestens seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine steht fest: Auch Deutschland muss seine Krisenfestigkeit und Verteidigungsfähigkeit neu denken – umfassend, integriert und gesamtgesellschaftlich.
Gesamtverteidigung – Wirtschaft als tragende Säule
1. Über Gesamtverteidigung
Mit dieser Entwicklung rückt ein Konzept wieder in den Fokus, das lange als historisch galt – die Gesamtverteidigung. Im Fokus steht das koordinierende Zusammenwirkung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft, um Krisen, Katastrophen und sicherheitspolitische Bedrohungen zu bewältigen. Als Ziel das Land funktionstüchtig zu halten und sicherheitspolitische Gegenspieler abzuschrecken, sollen militärischer und ziviler Maßnahmen in Friedenszeiten vorbereitet werden.
Das Thema der (zivil-militärischen) Verteidigung rückt so wohl in der NATO-Strategie als auch auf europäische Ebene verstärkt in den Fokus. In Deutschland wird hierzu der strategisch-politische Rahmen durch den Beschluss der Nationalen Sicherheitsstrategie gesetzt. Diese definiert erstmals ressortübergreifende sicherheitspolitische Ziele Deutschlands und betont die Relevanz von gesamtstaatlicher und gesamtgesellschaftlicher Resilienz gegenüber aktuellen (hybriden) Bedrohungen.
Das organisatorische Zusammenwirken der unterschiedlichen Akteure wie beispielsweise Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben oder der Wirtschaft, wird in den Rahmenrichtlinien für die Gesamtverteidigung festgelegt. Dabei konkretisiert das Konzept der Zivilen Verteidigung die Aufgabenerfüllung im Bereich der Zivilen Verteidigung und Notfallvorsorge.
Dabei führt der OPLAN Deutschland militärische Bestandteile der Gesamtverteidigung mit den notwendigen Unterstützungsleistungen, wie zum Beispiel medizinische Versorgung zusammen. Er betrachtet dabei die unterschiedlichen Eskalationsstufen von Frieden über den Spannungs- oder Verteidigungsfall. Auch der Bündnisfall wird berücksichtigt - hier nimmt Deutschland als Drehscheibe der NATO-Truppen für Materialbewegung innerhalb Europas und Host Nation Support eine Schlüsselrolle ein, die nur im Zusammenwirken mit zivil-gewerblichen Partnern bewältigt werden kann.
Der Leitgedanke lautet von Gesamtverteidigung lautet, dass die Resilienz im Inneren über die Handlungsfähigkeit nach außen entscheidet.
2. Wirtschaft als eine tragende Säule
Gesamtverteidigung ist kein abstraktes Staatskonzept ist, sondern wirkt sich unmittelbar auf betriebliche Abläufe, Lieferbeziehungen, Personalverfügbarkeit (z.B. durch Reserve oder Wehrdienst) und Investitionsentscheidungen aus - Unternehmen sind nicht nur Betroffene sondern Teil der Lösung durch die:
- Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen
- Stabilität von Lieferketten
- Energie- und Rohstoffbereitstellung
- Funktionsfähigkeit von IT- und Kommunikationssystemen
- Aufrechterhaltung kritischer Infrastrukturen (KRITIS)
Das Wirtschaftssicherstellungsgesetz und die Wirtschaftssicher-stellungsverordnung legen fest, dass diese Funktionen im Ernstfall nicht optional sind, sondern durch den Staat systemrelevant priorisiert oder in Anspruch genommen werden können.
3. Chancen für Unternehmen
Baden-Württemberg ist seit jeher ein bedeutender Standort der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sowie anderer für die Gesamtverteidigung wichtigen Branchen. Mit der Aktualisierung von Richtlinien und gesetzlichen Vorschriften sowie steigenden Investitionen rund um die Gesamtverteidigung ergeben sich zahlreiche Chancen für Unternehmen.
Durch die wachsende Nachfrage nach Technologien und Dienstleistungen in diesem Sektor können Unternehmen (z.B. von der Transformation betroffene Unternehmen der Automobilindustrie) ihre Kompetenzen erweitern und neue Geschäftsfelder erschließen. Es bieten sich also erhebliche Potenziale für Transformation, neue Geschäftsmodelle und Absatzmärkte.
Im Idealfall führt eine glaubwürdige und professionelle Vorbereitung auf die Gesamtverteidigung dazu, dass keines der diskutierten Risiko-, Krisen- oder Kriegs-Szenarien eintritt. In diesem Fall bestehen also vor allem Entwicklungsmöglichkeiten für die Wirtschaft. Dies reicht von Aufträgen von Streitkräften, NATO oder im Rahmen von EU-Programmen über Dienst- und Beratungsleistungen rund um Cyberabwehr, Spionageschutz oder Krisenvorsorge bis hin zu mittelbaren Effekten wie zum Beispiel einer verbesserten Verkehrsinfrastruktur, um nur einige Beispiele zu nennen.
4. Die IHK Heilbronn-Franken unterstützt Sie
Die wirtschaftliche Perspektive der Gesamtverteidigung zeigt deutlich, dass Krisenvorsorge nicht nur eine sicherheitspolitische Aufgabe ist, sondern auch wirtschaftliche Chancen bietet. Unternehmen können durch gezielte Maßnahmen ihre Resilienz stärken und gleichzeitig neue Geschäftsfelder erschließen.
Die IHKs stehen dabei als Partner zur Seite, um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Mitglieder zu fördern und sie auf zukünftige Herausforderungen vorzubereiten:
- Informationsangebote Rund um Defense, Verteidigung und Resilienz
- Unterstützung bei öffentlichen Aufträgen und Vergabeverfahren, z. B. Informationen über die IHK-Auftragsberatungsstelle Baden-Württemberg in Stuttgart über die Bewerbung um Aufträge von Streitkräften, Bundeswehr und NATO
Die Vertretung des Gesamtinteresses der Wirtschaft erfolgt durch die IHKs in Deutschland. Ihre IHK setzt sich daher auf verschiedenen Ebenen individuell, auf Landesebene über die Strukturen des BWIHK sowie auf Bundes- und EU-Ebene über die DIHK entsprechend ein.