Wirtschaftsspiegel
Nr. 7122082
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Closeup Fable5
Praxis & Ratgeber

Die Lehre aus dem Fall Fable 5

Die Frage nach der digitalen Souveränität gewann im Juni neue Brisanz: In den USA stellte Anthropic das hochleistungsfähige KI-Modell Fable 5 vor. Nur drei Tage später untersagte die US-Regierung durch eine eine Export-Control-Directive den Zugriff auf Fable 5 durch Ausländer.
Die Episode war kürzer als befürchtet, aber nicht folgenlos. Am 1. Juli 2026 gab Anthropic bekannt, dass die US-Regierung die Exportbeschränkungen für Fable 5 wieder aufgehoben hat. Der Zugang für Nutzer außerhalb der USA wurde seither schrittweise wiederhergestellt. Gelöst war der Einzelfall. Wie groß die Abhängigkeit europäischer Unternehmen von US-amerikanischer Software-Infrastruktur tatsächlich ist, hatte die knapp dreiwöchige Sperre jedoch offengelegt.
Für Chris Wojzechowski, Geschäftsführer von AWARE7 aus Gelsenkirchen und IT-Risk-Manager, zeigt der Fall Fable 5 vor allem, wie gefährlich die Abhängigkeit von digitalen Diensten werden kann, deren Zugang politisch beschränkt wird. „Was bei Anthropic geht, würde auch bei Microsoft, Google und Amazon gehen“, warnt er. „Dann geht das Licht in vielen Unternehmen mit aus.“

Viele kaufen ein, wenige liefern

Der Fall Fable 5 trifft auf eine Wirtschaft, die stark von digitalen Technologien aus dem Ausland abhängt. Laut Bitkom-Studienbericht „Digitale Souveränität 2025“ beziehen 96 Prozent der Unternehmen in Deutschland digitale Technologien oder Leistungen aus dem Ausland; nur 25 Prozent treten selbst als Anbieter im Ausland auf. Unter den importierenden Unternehmen sehen sich 90 Prozent stark oder eher abhängig von Digitalimporten. Jedes zweite Unternehmen gibt an, keine Möglichkeit zu haben, Druck ausländischer Partner oder Regierungen abzuwehren.

Gehen, bevor es weh tut

Sebastian Mader von Schwarz Digits stellte im März 2026 auf der TECH.LAND Xperience in Münster die Frage: Wie bleibt ein Unternehmen handlungsfähig, wenn aus einer digitalen Partnerschaft Abhängigkeit wird? Mader fasste Souveränität in ein einfaches Bild: Es sei die Fähigkeit, „vom Tisch aufzustehen“ und zu sagen: „An diesem Punkt ist es keine Partnerschaft mehr, und wir müssen einen anderen Weg finden.“
Digitale Souveränität bedeutet nicht, schnell komplett auszusteigen, reflexhaft den Anbieter zu wechseln oder alles selbst zu bauen. Es geht um Beweglichkeit. Um die Möglichkeit, einen Dienst zu ersetzen, Daten mitzunehmen, Verträge zu verstehen und Alternativen zu kennen.

Souveränität beginnt nicht im Rechenzentrum

Schwarz Digits ist die IT- und Digitalsparte der Schwarz Gruppe, zu der unter anderem Lidl und Kaufland gehören. Dabei lohnt ein Blick auf die Ausgangslage: Schwarz Digits ist nicht nur Mahner in Sachen digitaler Souveränität, sondern mit STACKIT und eigenen Rechenzentren auch Anbieter entsprechender Lösungen. Das entwertet die Warnung nicht. Es zeigt aber, dass hier nicht nur ein Beobachter auf die Lage schaut, sondern auch ein Anbieter, der selbst eine Antwort auf das Problem bereithält.
Nahaufnahme eine Handys mit Lidl-, Kaufland- und Schwarz-Logo
© Ralf/AdobeStock
Für die meisten Unternehmen in der Region ist Schwarz Digits keine Kopiervorlage. Die wenigsten Mittelständler bauen mal eben eine eigene Cloud oder ein Rechenzentrum. „Digitale Souveränität heißt nicht, morgen alle Systeme auszutauschen. Der erste Schritt ist Transparenz: Welche Dienste sind kritisch, wo liegen die Daten, welche Alternativen gibt es? Wer das weiß, kann Risiken steuern und bleibt handlungsfähig“, sagt Kerstin Weidner, Teamleiterin Digitalisierung bei der IHK Nord Westfalen.
Ganz ohne Kosten ist dieser Weg allerdings nicht. Die Migration kostet Geld. Schnittstellen müssen angepasst werden. Mitarbeiter müssen geschult werden. Verträge müssen geprüft werden. Und vieles mehr. Die Umfrage „Cloud-Monitor 2025: Financial Services“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG zeigt: Ein Fünftel der Befragten wäre bereit, für souveräne Cloud-Lösungen bis zu 30 Prozent mehr zu zahlen als für etablierte Angebote der großen US-Anbieter. Die Frage ist deshalb nicht nur, wie sich Abhängigkeit vermeiden lässt, sondern auch, wie viel Unabhängigkeit sich ein Unternehmen leisten kann.

Wie bleibt der Betrieb arbeitsfähig?

Weidner rät Unternehmen, nicht von einzelnen Technologien oder Tools auszugehen, sondern von ihrer langfristigen Unternehmensstrategie. Erst wenn klar ist, wie das Unternehmen in zehn Jahren Wert schaffen und wettbewerbsfähig sein will, lässt sich ableiten, welche digitalen Kompetenzen, Daten und Plattformen erforderlich sind. Die Technologie kann sich ändern. Die strategische Richtung sollte bleiben.
Sebastian Mader von Schwarz Digits, ist überzeugt: „Wer wisse, wohin er wolle, kann Standards setzen, Prozesse neu denken und Automatisierung einführen“. Auch die beste Technik helfe wenig, wenn die passende Infrastruktur fehle.
So werde aus digitaler Souveränität kein Schlagwort, sondern eine Arbeitsfrage. „Nicht: Welches Tool ist politisch am saubersten? Sondern: Können wir weiterarbeiten, wenn ein wichtiges Werkzeug morgen nicht mehr verfügbar ist?“
Auch AWARE7-Chef Wojzechowski sieht digitale Souveränität nicht zuerst als Technikprojekt. „Das ist ein Thema der Geschäftsführung beziehungsweise obersten Leitung“, sagt er. „Auch wenn es überrascht, das Thema ist nur nachrangig ein technisches.“
Der erste realistische Schritt sei nicht der große Systemwechsel. „Im ersten Schritt genügt es, bei zukünftigen Beschaffungsprozessen die Suche auf europäische Produkte einzugrenzen und das passende Produkt zu wählen“, erklärt Wojzechowski.

Allein ist es schwerer

Für kleinere Unternehmen ist dieser Weg anspruchsvoller als für Konzerne. Mader betonte: „Auch kleinere Betriebe können den Markt sondieren, Kooperationen eingehen und so tragfähige Perspektiven entwickeln.“ Sie könnten mit Dienstleistern, IT-Partnern oder Netzwerken prüfen, wo Abhängigkeiten bestehen und welche Alternativen infrage kommen. Abwarten sei keine Option: „Man muss miteinander sprechen, herausfinden, was möglich ist, und dann handeln.“
Wojzechowski bringt es auf ein Bild: „Wir haben lange genug unsere digitale Infrastruktur auf Lehm gebaut. Jetzt wird es Zeit für ein solides Fundament, das auch dem nächsten Hochwasser standhält.“ Dieses Fundament beginnt nicht mit dem großen Systemwechsel. Es beginnt mit einem nüchternen Blick auf die eigenen Abhängigkeiten. Denn wer früh prüft, bleibt flexibler und unabhängig davon, wie die nächste Entscheidung in Washington ausfällt.

Fünf Fragen für den ersten Souveränitäts-Check

  1. Welche digitalen Dienste sind für unseren Betrieb wirklich geschäftskritisch?
  2. Wo liegen unsere Daten und wie schnell bekommen wir sie heraus?
  3. Gibt es für zentrale Anwendungen einen zweiten Anbieter oder ein Ausweichverfahren?
  4. Verstehen wir unsere Systeme gut genug, um Alternativen bewerten zu können?
  5. Was steht in Verträgen zu Kündigung, Datenexport, Schnittstellen und Weiterbetrieb?

IHK-Ansprechpartnerin: