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„Es ist wie mit 200 Km/h auf der Autobahn"
Kristine Soiron hat die AlphaLing GmbH aus der Übersetzungsbranche heraus zum Software-Engineering-Unternehmen entwickelt. Im Interview mit ihr geht es um ihren Weg in die Selbstständigkeit, um Führung, Tempo und den Moment, in dem eine Reise ins Silicon Valley die Weichen neu stellte.
Wirtschaftsspiegel: Was war der Wendepunkt Ihrer Karriere und was haben Sie daraus gemacht?
Kristine Soiron: Meine Mutter hat mich geprägt. Sie war Unternehmerin, mit 29 Jahren in einer Führungsposition. Nach ihrem tödlichen Unfall war klar: Ich wollte ihren Weg unbedingt fortsetzen. Mindestens genauso gut wie sie.
Kristine Soiron ist CEO der AlphaLing GmbH. Ihr Lieblingszitat und -motto ist: „Es gibt nichts, was man nicht kann."
Wirtschaftsspiegel: Welche Entscheidung war besonders mutig und warum war sie notwendig?
Soiron: Mein früherer Arbeitgeber in Münster wollte mich für eine Führungsrolle aufbauen. Doch plötzlich versperrte man mir den Weg. Ein junger Mann bekam die Stelle. Ich sei schließlich Mutter. Wenn die Kinder größer seien, dürfe ich mich erneut bewerben. Ich war wütend. Ich nahm drei Wochen Urlaub und entschied, mich selbstständig zu machen. Ich reduzierte auf Teilzeit und baute nebenbei meine freiberufliche Tätigkeit auf. Knapp acht Monate später, am 19. September 2010, kündigte ich.
Ende 2023 stellte eine Reise die Weichen neu. Ich war auf einer Delegationsreise im Silicon Valley. Künstliche Intelligenz war im Kommen. Auf der Rückfahrt, im Taxi, sagten die anderen: „Eigentlich gibt es deine Branche gar nicht mehr." Ich konnte nicht antworten. Der Tag war gelaufen. Mir war klar: Wenn ich denselben Weg weitergehe, gehen wir unter. Also habe ich Technologie und Software-Engineering so interpretiert, dass ich es für mein Unternehmen nutzen kann. Zuhause schrieb ich auf, was falsch lief und was richtig. Ende 2024 waren wir vollständig digitalisiert. Seit 2025 vermarkten wir unsere Software auch extern. Im April haben wir auf dem Zukunftstag Mittelstand in Berlin mit sieben Stationen, Pop-up-Restaurant, Konferenzdolmetschen, Technik und KI-Übersetzung per QR-Code 6.500 Besucher versorgt.
Das Gruppenbild wurde in Jinan aufgenommen und zeigt neben Kristine Soiron (5. v. l.) chinesische Partner sowie weitere Referenten einer Wirtschafts- und Technologiekonferenz zum Thema KI, Digitalisierung und internationale Zusammenarbeit.
Wirtschaftsspiegel: Wovon waren Sie mal überzeugt und denken heute anders?
Soiron: Früher führte ich zu emotional, zu sozial. Das kommt aus meiner Persönlichkeit. Zudem arbeiten wir im sozialen, medizinischen, juristischen Bereich. Ohne Gewissenhaftigkeit würden wir unsere Arbeit nicht gut machen. Aber heute sehe ich rückblickend auch Naivität. Ich habe Menschen vertraut, denen ich heute nicht mehr vertrauen würde.
Wirtschaftsspiegel: Was hat Sie beruflich am meisten geprägt, obwohl es nicht zur Karriereplanung gehörte?
Soiron: Tempo. Unternehmerisches Dasein ist immer ein Auf und Ab. Das Gehirn hört nicht auf zu analysieren. Es ist wie mit 200 Km/h auf der Autobahn: Wer Fehler ausblendet, fährt gegen die Wand. Doch es hängt nicht nur mein Schicksal daran. Es hängt das Schicksal all derer daran, die mit mir im Auto sitzen.
Deshalb lasse ich mich von meinem Teamleiter aus der IT wöchentlich schulen. Ein bis zwei Stunden. Er zeigt mir, was neu ist. Er analysiert und ordnet ein. Ohne dieses Wissen könnte ich viele Kundengespräche nicht führen und manchmal merke ich im Gespräch, dass unsere Lösung nicht passt und muss live eine andere Architektur skizzieren.
Wirtschaftsspiegel: Was können andere von Ihnen lernen, das in keinem Business-Ratgeber steht?
Soiron: Mut haben. Auch bei Technologie. Bei uns hing jahrelang in jedem Raum derselbe Satz: Es gibt nichts, was man nicht kann. Das klingt nach Wand-Tattoo. Aber es ist eine Haltung. Ich hatte kein Netzwerk, das mir Fachwissen einfach überreichte. Ich habe von meinen Mitarbeitenden gelernt, von Vorbildern. Und ich schaue, was andere richtig machen. Dann überlege ich, wie es zu uns passt.
Wirtschaftsspiegel: Gibt es eine Führungsregel, von der Sie nie abweichen?
Soiron: Niemand darf mich einschränken. Es spielt keine Rolle, wer es ist. Ich brauche Raum, um mich zu entfalten. Manchmal ist dieser Raum nur ein Arbeitstisch in einem Café. Ich habe mir Strukturen aufgebaut, mit denen ich mich von überall ins Office einloggen kann. Das hat auch mit Kontrolle zu tun. Aber Kontrolle braucht Augenmaß. Diese Verantwortung darf nicht abgegeben werden.
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