Von Claudia Lösler
Produktions- und Entwicklungsstandorte in Europa, den USA, China und Indien bilden ein internationales Netzwerk. Das Familienunternehmen aus Hohenlohe hat sich von einem regionalen Betrieb zu einem weltweit tätigen Technologiekonzern mit einem Umsatz von rund 700 Millionen Euro entwickelt. Der Standort Ingelfingen bleibt für CEO Georg Stawowy dennoch das Herz des Unternehmens:
Man braucht Wurzeln, um wachsen zu können. Für Bürkert liegen diese Wurzeln in Ingelfingen.
Georg Stawowy
Gerade in einer Zeit, in der sich die Weltwirtschaft rasant verändert, würden starke regionale Wurzeln immer wichtiger werden. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, wie eng die Welt wirtschaftlich miteinander verflochten sei. Lieferengpässe, Handelskonflikte und geopolitische Spannungen haben Unternehmen vor neue Herausforderungen gestellt. Wer international erfolgreich sein will, muss heute näher an seinen Märkten sein als früher. Für Bürkert ist das längst Realität.
Gerade in der Zeit der Lieferengpässe von Halbleitern konnten wir auf Lagerbestände unsere Gesellschaften zurückgreifen, unsere Produktion musste nicht stillstehen.
Georg Stawowy
Die zunehmende Internationalisierung hat jedoch auch die Rolle des Stammsitzes verändert. „Ingelfingen muss nicht mehr für die ganze Welt mitdenken.“ Stattdessen entstehe zunehmend ein globales Netzwerk eigenständiger Einheiten, die nah an ihren jeweiligen Märkten agieren. „Das ist keine Abwertung des Standorts. Es ist eine neue Aufgabe. Hier sitzen die Menschen, die das Netzwerk orchestrieren, kulturelle Unterschiede verstehen und die strategische Ausrichtung vorgeben.“ Auch seine Aufgabe habe sich dadurch verändert. Führung bedeute heute nicht mehr, alles zentral zu steuern. „Die eigentliche Aufgabe ist es, globale Netzwerke erfolgreich zu koordinieren.“
In einer Welt wachsender Handelsbarrieren sei diese Entwicklung unverzichtbar. Offener Welthandel ohne Einschränkungen sei längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Über 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Bürkert außerhalb Deutschlands. Weiteres Wachstum in den größten Weltmärkten ist nur möglich, wenn lokal vor Ort produziert wird, denn Zölle und Handelsbeschränkungen erschweren das Geschäft zunehmend.
Das Hohenloher Silicon Valley
Dass die Unternehmenszentrale dabei weiterhin in Hohenlohe angesiedelt ist, empfindet Stawowy nicht als Nachteil, ganz im Gegenteil. Seit mittlerweile drei Jahren ist er CEO von Bürkert, zuvor war er bei der Lapp-Gruppe in Stuttgart tätig. Den Schritt ins Ländliche hat er bis heute nicht bereut. „Für mich hat das hier überhaupt nichts Provinzielles.“ Vielmehr zeigt er sich fasziniert von der Dichte erfolgreicher Unternehmen und der außergewöhnlichen Dynamik, die Hohenlohe seit Jahrzehnten prägt. „Heute denkt jeder bei Innovationsregionen an das Silicon Valley oder an Israel. Aber wenn man sich anschaut, was hier entstanden ist, dann war das in gewisser Weise schon früh ein eigenes Kocher-Valley.“
Dass Unternehmerpersönlichkeiten wie Reinhold Würth, Albert Berner und Gerhard Sturm von ebm-papst aus derselben Region stammen, sei kein Zufall. Hier hätten sich über Jahrzehnte Unternehmergeist, Innovationskraft und internationale Offenheit gegenseitig verstärkt. In diese Tradition reiht sich auch Bürkert ein. Die Geschichte des Unternehmens begann unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, zunächst mit einer ganz anderen Herausforderung als der heutigen Fluidik.
Firmengründer Christian Bürkert reparierte auf dem elterlichen Hof einen Brutapparat und entwickelte dafür einen präzisen Temperaturregler. Aus dieser Lösung entstand 1946 die Grundlage für das Unternehmen. Wenige Jahre später verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend
auf Ventiltechnik und Magnetventile ergänzt mit Sensoren und Regelungstechnik, um den ganzen fluidischen Regelkreis bedienen zu können. „Christian Bürkert wollte kein Produkt verkaufen, sondern ein Problem lösen. Diese Lösungsorientierung ist bis heute unsere DNA.“ Deshalb versteht sich Bürkert auch heute nicht in erster Linie als Ventilhersteller, sondern als Fluidikexperte. „Wir sind ein ingenieurgetriebenes Unternehmen. Erfinden, Pionier sein – das zeichnet Bürkert seit 80 Jahren aus.“
Der heutige Unternehmensclaim „Pioneers of Flow“ sei deshalb weit mehr als ein Marketingversprechen. Er beschreibe die Haltung, mit der das Unternehmen neue Lösungen für die Fluidik entwickelt.
Verantwortung, statt kurzfristiger Gewinn
Die Entwicklung des Unternehmens verlief jedoch nicht ohne Rückschläge. 1971 kam Unternehmensgründer Christian Bürkert bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Seine Frau Dorothee Bürkert übernahm gemeinsam mit einem technischen Geschäftsführer die Verantwortung für das Unternehmen und führte dessen Entwicklung über Jahrzehnte entscheidend mit.
Für Stawowy spiegelt sich darin ein Werteverständnis wider, das das Unternehmen bis heute prägt.
Der Selbstzweck des Unternehmens war für Christian Bürkert nie das Geldverdienen. Es ging immer darum, gute Produkte zu entwickeln und Arbeit für Menschen zu schaffen.
Dorothee Bürkert
Dorothee Bürkert habe diese Haltung fortgeführt und den Fokus auf Verantwortung für Mitarbeitende und Familien gelegt.
Genau diese langfristige Perspektive sei einer der Gründe gewesen, weshalb sich Stawowy bewusst für die Arbeit in Familienunternehmen entschieden habe. „Es geht nicht um Gewinnorientierung, sondern um Werte. Jeder Gewinn fließt entweder zurück ins Unternehmen oder in die Stiftung. Die Ideen und Menschen stehen im Vordergrund, das gefällt mir.“
Diese Haltung schließt weiteres Wachstum nicht aus. Bürkert will in den kommenden Jahren weiter expandieren und konzentriert sich dabei auf vier strategische Kernbereiche: Pharma- und Biotechnologie, Lebensmittel und Getränkeindustrie inklusive New Food, Labor- und Analysegeräte sowie neue Energien insbesondere Wasserstoff. Hinzu kommen Zukunftsfelder wie Halbleitertechnik, Datencenter-Kühlung und Wasseraufbereitung. Bewusst ausgeschlossen hat Bürkert dagegen die Rüstungsindustrie. „Wir wollen Technologien entwickeln, die zu einer regenerativen Wirtschaft beitragen. Unsere Vision lautet, fluidische Lösungen für eine regenerative Wirtschaft weiterzudenken. Dazu passt Rüstung für uns nicht.“
Auch neue Geschäftsmodelle werden gezielt gesucht. Bürkert entwickelt sich weiter vom reinen Produktanbieter hin zu einem Unternehmen, das Produkte, Systeme und Services kombiniert. Hier sieht Stawowy Wachstumspotential vor allem durch konsequente Digitalisierung, Pay-per-Use-Modelle und Ansätze der Kreislaufwirtschaft.
Trotz der vielen Herausforderungen und der Internationalisierung vieler Unternehmen blickt Stawowy optimistisch auf den Industriestandort Deutschland.
Natürlich erleben wir Veränderungen. Aber wir verfügen über hervorragend ausgebildete Menschen, ein starkes duales Ausbildungssystem und viel internationale Erfahrung. Das sind enorme Stärken.
Georg Stawowy
Damit schließt sich für ihn der Kreis zwischen globaler Wettbewerbsfähigkeit und regionalen Wurzeln, auf die Bürkert seit acht Jahrzehnten setzt.