Von Claudia Lösler
Zwar ist die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe in Heilbronn-Franken weiterhin hoch, doch immer weniger junge Menschen entscheiden sich für eine duale Ausbildung. Die aktuelle Ausbildungsbilanz der IHK Heilbronn-Franken zeigt, dass zum Start des neuen Ausbildungsjahres rund sieben Prozent weniger Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen wurden als im Vorjahr. Umso wichtiger wird es für Unternehmen, ihre Ausbildungsqualität sichtbar zu machen. Genau hier setzt das Dualis-Siegel an, das seit 2014 beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragen und deutschlandweit geschützt ist. Aktuell tragen 75 der insgesamt rund 1.900 Ausbildungsbetriebe in der Region diese Auszeichnung für überdurchschnittliche Ausbildungsqualität. Viele Unternehmen haben sich schon das zweite oder dritte Mal rezertifizieren lassen und tragen dadurch schon seit vielen Jahren das begehrte Siegel.
Seit einem Jahr begleitet Laura Schwiewager als Projektkoordinatorin der IHK Heilbronn-Franken Betriebe auf diesem Weg. Sie hat selbst zunächst eine Ausbildung und im Anschluss ein duales Studium im Bereich Personalentwicklung absolviert. Heute unterstützt sie Unternehmen dabei, ihre Ausbildungsqualität auf den Prüfstand zu stellen und weiterzuentwickeln. Jedes Unternehmen ist anders, hat seine eigenen Schwerpunkte. Die Arbeit macht richtig Spaß und ist sehr facettenreich“, sagt Schwiewager. Auch nach ihrem ersten Jahr sei jedes Audit aufs Neue ein Überraschungsei.
Mehr als die gesetzlichen Standards
Die Grundlagen einer Ausbildung sind gesetzlich klar geregelt. Ausbildungsbetriebe müssen zahlreiche Vorgaben erfüllen, damit sie überhaupt ausbilden dürfen. Das Dualis-Siegel setzt jedoch dort an, wo Unternehmen über diese Standards hinausgehen. Es zeichnet Betriebe aus, die ihre Ausbildung bewusst weiterentwickeln, ihre Auszubildenden besonders fördern und Ausbildungsqualität als strategische Aufgabe verstehen.
Herzstück des Verfahrens ist ein 47-seitiger Kriterienkatalog mit insgesamt 62 Kriterien. Er betrachtet den gesamten Ausbildungsprozess und orientiert sich an fünf Phasen: der Gewinnung neuer Auszubildender, ihrem Einstieg ins Unternehmen, der Durchführung der Ausbildung, der Vorbereitung auf die Abschlussprüfung sowie der Übernahmephase.
Das Verfahren ist anspruchsvoll und erfordert von den Unternehmen eine intensive Auseinandersetzung mit ihrem Ausbildungsprozess.
Laura Schwiewager
Die zahlreichen Fragen sollen keine zusätzliche Bürokratie schaffen, sondern die Betriebe dazu anregen, sich selbst noch einmal genaustens zu hinterfragen – wo gibt es noch Verbesserungspotenzial? Was machen wir schon richtig gut?
Keine Fehlersuche, sondern Entwicklung
Der Weg zur Zertifizierung beginnt immer mit einem kostenlosen Beratungsgespräch. Vor Ort verschafft sich Laura Schwiewager einen Eindruck davon, wie Ausbildung im Unternehmen gelebt wird und welche Kriterien bereits erfüllt sind. Häufig ergeben sich schon aus diesem ersten Austausch wertvolle Impulse. Die Betriebe haben im Anschluss Zeit, die Verbesserungsvorschläge umzusetzen, erst danach folgt das eigentlich Audit.
Ehrenamtliche Auditoren aus bereits zertifizierten Dualis-Betrieben nehmen sich einen ganzen Tag Zeit, um mit Ausbildern und Auszubildenden zu sprechen. Gemeinsam betrachten sie die Ausbildungsprozesse und gleichen diese mit den Anforderungen des Kriterienkatalogs ab.
Das ist keine Fehlersuche, sondern wir schauen, was schon richtig gut läuft und an welchen Stellen es noch Verbesserungspotenzial gibt.
Laura Schwiewager
Die Unternehmensgröße spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist vielmehr, welchen Stellenwert die Ausbildung im Betrieb besitzt. Wer junge Menschen ernst nimmt, ihnen Perspektiven bietet und sie gezielt fördert, hat gute Voraussetzungen für eine Zertifizierung. Nach erfolgreichem Audit wird das Dualis-Siegel zunächst für drei Jahre verliehen. Die anschließende Rezertifizierung gilt jeweils für fünf Jahre.
Gerade vor dem Hintergrund rückläufiger Ausbildungszahlen gewinnt das Qualitätssiegel an Bedeutung. Der Wettbewerb um Nachwuchskräfte hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschärft. Junge Menschen können heute stärker auswählen, welcher Betrieb zu ihnen passt. Für Unternehmen wird es deshalb immer wichtiger, ihr Engagement in der Ausbildung sichtbar zu machen.
Für Schwiewager liegt der größte Nutzen von Dualis deshalb nicht allein im Zertifikat.
Schon das Erstgespräch mit einem neuen Betrieb kann für jeden Ausbildungsbetrieb bereichernd sein. Man muss nur offen für Feedback sein.
Laura Schwiewager
Oft seien es gerade die externen Perspektiven, die Unternehmen dabei helfen, bestehende Prozesse weiterzuentwickeln.
Auch das Siegel selbst entwickelt sich weiter. Der Kriterienkatalog wird derzeit in Abstimmung mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Praxis an neue Anforderungen angepasst. Themen wie Digitalisierung, moderne Lernformen und veränderte Erwartungen junger Menschen sollen künftig noch stärker berücksichtigt werden.